Video: Orbea Rallon RS im Test
Orbea Rallon RS 2026 – Infos und Preise
Die Innovationen
✅ Richtungsweisendes Light-Support-Konzept
✅ 18-kg-E-MTB mit Fox 38 und vernünftigen Reifen (1,5 kg Differenz zu adäquaten Enduros)
✅ Weltneuheit: Fox Float X2 Live Valve Neo
✅ TQ HPR 40 – Rennradmotor im E-MTB
✅ Ein Ladegerät für alles
✅ Ein Akku für alles
✅ Smarte Dropperpost und smartes Fahrwerk
| Einsatzbereich | All-Mountain, Enduro, Freeride |
|---|---|
| Federweg | 180 mm/170 mm |
| Laufradgröße | 29ʺ |
| Rahmenmaterial | Carbon |
| Motor | TQ-Systems |
| Gewicht (o. Pedale) | 18,0 kg |
| Rahmengrößen | S, M, L, XL (im Test: XL) |
| Website | www.orbea.com |
| Preisspanne | 10.999 Euro - 14.999 Euro |
Wenn man bei der Präsentation eines neuen Bikes mit Superlativen überhäuft wird, nur um dann am Ende gesagt zu bekommen, dass ein solches Projekt wirtschaftlich eigentlich nicht sinnvoll ist, kommt man sich als Redakteur schon etwas verarscht vor. Normalerweise. Heutzutage muss hinter allem ein Business-Case stehen – zumindest, wenn man ein Projekt dieser Größenordnung startet. ROI, EBITDA – happy Investor, happy life. Unhappy Investor, sich aus dem Fenster lehnen? Undenkbar. Bei Orbea ticken die Uhren aber in dieser Hinsicht etwas anders. Ich bin ehrlich: Ich kaufe Orbea das ab. Denn die Firma ist genossenschaftlich organisiert, und im Zuge dessen kann ich mir gut vorstellen, dass eine nachhaltige Zukunftsstrategie, die auf kooperativem Innovationsmanagement fußt, auch etwas kosten darf.
Und genau hier kommt das neue Rallon RS ins Spiel. Laut Orbea das aufwändigste Rad, das die Basken je gebaut haben. Eine Carbon-Mold, die minutiös in der richtigen Reihenfolge zusammengebaut werden muss – aufwändiger als jede Mold, die Orbea bisher genutzt hat. Zwei Technologie-Partnerschaften, die nicht 1:1 geführt wurden, sondern bei denen alle drei Player an einem Tisch gesessen haben. Alles mit dem Ziel, herauszufinden, wie das Trail-Bike der Zukunft aussehen sollte.
Genug auf die Folter gespannt – wie sieht es denn aus, das Trail-Bike der Zukunft? Optisch dem Rallon-Enduro-Bike zumindest mal zum Verwechseln ähnlich. Auch technisch, zumindest beim Blick auf die Eckdaten. Das Orbea Rallon RS bringt satte Federwegsreserven mit: 180 mm Federweg an der Front, 170 mm Federweg am Heck – laut gängiger Konventionen sprechen wir rein beim Blick auf den Federweg nicht von einem Trail-Bike. Zwei verschiedene Umlenkwippen sind verfügbar und machen das Rallon RS zum 29″- oder zum Mullet-Bike mit 27,5″-Hinterrad.
Herzstück des Bikes ist das namensgebende Akronym „RS“ für „Rider Synergy“ (nicht Rennsport). Hinter diesem Akronym verstecken sich bereits das Orbea Rise mit Shimano EP801 RS, sowie die neue RS-Remote mit elektronischer Dropperpost.
Für Orbea steckt dahinter aber nicht unbedingt ein Produkt, sondern eher die Vernetzung verschiedener Systeme am Rad und die harmonische und intuitive Bedienung dieser Systeme. Am Rallon RS steht RS für ein miteinander kommunizierendes Gesamtsystem aus elektronischer Schaltung, elektronischer Dropperpost, elektronischem Fahrwerk – und natürlich einem Motorsystem. Vor allem im AXS-Universum kennen wir bereits miteinander kommunizierende Systeme in diesem Ausmaß – SRAM ermöglicht bislang jedoch nur die Anbindung der Schaltung an den Hauptakku. Anstatt mit dem smarten System inklusive Flight Attendant viele Akkus laden zu müssen, war Orbea wichtig, das so weit herunterzubrechen wie möglich – sprich: so wenig Akkus wie möglich.
Einerseits bedeutet das zwar mehr Kabel (versteckt im Inneren), andererseits aber auch eine maßgebliche Simplifizierung des stark vernetzten Systems. So wurde der Dämpfer vom eigenen Akku getrennt und mit einem Kabel mit dem Gateway verbunden. Die kleine Schaltzentrale unter dem Hauptdrehpunkt agiert als Verteiler für Strom und die Informationen aus den verschiedenen Systemen und verarbeitet diese zentral. Auch Orbeas MC10-Dropper hängt am Gateway und ist komplett ohne eigenen Akku konzipiert – sie wird über das Gateway durch die Hauptbatterie gespeist. Elektronische Schaltungen mit Kabel sind nichts Neues – war für die Di2-Technologie früher auch ein eigener Akku nötig, läuft auch die Stromversorgung der XTR Di2 via der Hauptbatterie. Streng genommen bleiben so nur die zwei Live-Valve-Sender an den Bremsaufnahmen und der XTR-Trigger, die jeweils durch Knopfbatterien gespeist werden.
Einer der maßgeblichen Benefits des Systems ist aber auch die zentrale Datenverarbeitung: So können Daten aus dem Motorsystem, der Sattelstütze und der Schaltung beispielsweise dem Live-Valve-Dämpfer zur Verfügung gestellt werden, um dem Algorithmus eine bessere Entscheidungsgrundlage zu liefern.
Das wiederum öffnet andere Türen: Wenn der Dämpfer in Sekundenbruchteilen schließt und das Heck in Anstiegen effektiv beruhigt, kann man auch im Fahrwerksdesign andere Kompromisse eingehen. Orbea setzt hier seit Jahren auf einen Split-Pivot-Hinterbau mit konzentrischer Anordnung von Hinterbau-Drehpunkt und Radachse. Das System ist im Endeffekt ein Eingelenker – gerade beim Eingelenker spielt die Höhe des Hauptdrehpunkts eine maßgebliche Rolle für den Anti-Squat. Gleichzeitig gilt: Je höher der Drehpunkt, desto höher auch der Anti-Rise. Verglichen mit dem Vorgänger des Rallon erkennt man schnell: Der Hauptdrehpunkt ist signifikant gewandert – sowohl nach unten als auch nach hinten.
Einfach gesagt dürfte das Antriebsverhalten ohne Live Valve dadurch etwas weniger ruhig sein, dafür ein neutraleres Bremsverhalten entstehen.
Auch ansonsten glänzt Orbea an vielen Stellen: Das Multitool ist selbstverständlich integriert, der Hebel an der Achse abziehbar und als 6-mm-Innensechskant verwendbar. Kettenstrebe und Hauptdrehpunkt sind durch gute Schützer vor äußeren Einflüssen geschützt. Orbea hat zudem die interne Kabelführung mit optionalen Kabeleingängen am Rahmen wieder zurückgebracht und verlegt die Leitungen auch in Serie so. Das Elektrokabel der RS-HMI-Remote geht leider durch den Lenker und blockiert so eine kundennähere Spacer-Lösung am Cockpit.
Motor & Akku
Nur etwa 1,8 kg Gewichtsunterschied trennen das reguläre, unmotorisierte Orbea Rallon und das Orbea Rallon RS bei ähnlicher Bereifung. Das allein ist in etwa das Gewicht eines Light-Support-Motors. Wie kann das klappen?
Orbea verwendet statt des Mountainbike-Motors des bayerischen Herstellers TQ-Systems einfach den Rennrad-Motor HPR-40. Nur 1.170 g bringt der Motor auf die Waage – im Herzen steckt weiterhin die bekannte Harmonic-Pin-Ring-Technologie mit all ihren Vorteilen. Das Getriebe ist nicht nur kompakt und – offensichtlich – leicht, es ermöglicht auch eine niedrigere Motordrehzahl, die die Geräuschkulisse effektiv senkt. Der HPR-40 verzichtet zudem noch auf weitere Teile wie einen zweiten Motorfreilauf, der das Auskuppeln des Motors zulässt. Auch das spart effektiv Gewicht.
Sein geringes Gewicht und die kompakte Bauform sorgen natürlich aber auch für eine recht reduzierte Leistung. Der Motor soll nicht überhandnehmen, das Fahrgefühl eher beflügeln statt dominieren. Dazu ist er mit nur 40 Nm Drehmoment und einer Spitzenleistung von 200 W ausgerüstet.
In Kombination mit Orbea wurde auch die Motorkennlinie grundsätzlich überdacht. Statt einer eher linearen Kurve, wie TQ sie einsetzt, wollte Orbea eine stark progressive Kennlinie. Mit Orbeas Abstimmung muss man für die volle Unterstützungsleistung im stärkeren Rally-Modus bereits etwa 240 W Eigenleistung einbringen. Im etwas schwächeren Range-Modus sogar ca. 340 W – und wer es auf die Spitze treiben will, kann im optionalen Ultra-Modus erst bei über 450 W Eigenleistung mit den zusätzlichen 200 W Motorleistung rechnen. Die Motorsoftware soll zusätzlich mit einem Algorithmus versehen sein, der sie lernfähig macht und eine Anpassung an die individuelle Leistungsabgabe des Nutzers ermöglicht.
Gespeist wird der Motor von einem TQ-Akku mit 290-Wh-Kapazität – also einem recht kleinen Akku, der unter 1,5 kg auf die Waage bringt. Wer mehr braucht, kann den Range-Extender von TQ verwenden und um 160 Wh aufstocken. Ohne Display und mit unscheinbar platzierter Ladebuchse (die sich mit einer 750-ml-Trinkflasche auch kaschieren lässt) verbessert das Rallon RS seine Tarnung noch weiter.
- Motor TQ-HPR40
- Akku TQ
- Akkukapazität 290 Wh
- Nenndauerleistung 200 Watt
- Spitzenleistung 200 W
- Max. Drehmoment 40 Nm (TQ)
- Display ohne, Orbea RS HMI Remote
Hier findest du mehr Informationen zu aktuellen E-Bike-Motoren.
Geometrie
Eines der Felder, das auf der Innovationsseite mehr und mehr aus dem Fokus rückt, ist die Geometrie. Bahnbrechend ist das Rallon RS nicht, dafür auf der sehr modernen Seite. Mit 25-mm-Reach-Sprüngen deckt man über vier Rahmengrößen etwa Körpergrößen von 1,5 bis ca. 2,0 m ab. Die Rahmen sind dabei gutmütig bemessen – nicht riesig, nicht kompakt. Spannend ist die Sitzrohrabstufung: Nur 5 mm wachsen die Sitzrohre von 400 mm in S bis 420 mm in XL – Platz für sehr lange Sattelstützen ist also gegeben.
Ein Flip-Chip ermöglicht das Feintuning der Winkel und der Tretlagerhöhe. Mit bis zu 35 mm Tretlagerabsenkung kann das Rallon RS sehr bodennah positioniert werden – gemessen am Federweg ist das bereits ziemlich tief. 64,25° sind ein gängiger Wert, auf der steilen Seite ist der Sitzwinkel mit 79,25°.
| Rahmengröße |
S
|
M
|
L
|
XL
|
|---|---|---|---|---|
| Laufradgröße | 29″ | 29″ | 29″ | 29″ |
| Reach | 430 mm | 455 mm | 478 mm | 505 mm |
| Stack | 633,7 mm | 638,2 mm | 647,2 mm | 656,2 mm |
| STR | 1,47 | 1,40 | 1,35 | 1,30 |
| Lenkwinkel | 64,3° | 64,3° | 64,3° | 64,3° |
| Sitzwinkel, effektiv | 74,6° | 74,6° | 74,6° | 74,6° |
| Oberrohr | 538,9 mm | 565,3 mm | 591,5 mm | 620,8 mm |
| Steuerrohr | 105 mm | 110 mm | 120 mm | 130 mm |
| Sitzrohr | 400 mm | 405 mm | 410 mm | 420 mm |
| Überstandshöhe | 763,8 mm | 759,8 mm | 761,8 mm | 769,1 mm |
| Kettenstreben | 445 mm | 445 mm | 445 mm | 445 mm |
| Radstand | 1.215 mm | 1.242 mm | 1.269 mm | 1.300 mm |
| Tretlagerabsenkung | 28 mm35 mm | 28 mm35 mm | 28 mm35 mm | 28 mm35 mm |
| Tretlagerhöhe | 345,5 mm338,5 mm | 345,5 mm338,5 mm | 345,5 mm338,5 mm | 345,5 mm338,5 mm |
| Einbauhöhe Gabel | 587,7 mm | 587,7 mm | 587,7 mm | 587,7 mm |
Ausstattung
Das Orbea Rallon RS ist in zwei Ausstattungsvarianten erhältlich, die jedoch jeweils als Mullet- oder 29″-Konfiguration angeboten werden. Weiterhin ein wahres Alleinstellungsmerkmal ist das MyO-Programm, bei dem farbliche Gestaltung und Ausstattung individualisiert werden können. Beide Modelle, sowohl das 14.999 € teure Topmodell Rallon RS-LTD als auch das immer noch hochpreisige 10.999 € Rallon RS-Team, sind im MyO-Konfigurator enthalten und können für den Endkunden somit weiter angepasst werden.
Gewisse Restriktionen hält das System natürlich bereit, ohne die das MyO nicht funktioniert: Deckungsgleich sind Motorsystem, Sattelstütze und Remote sowie die elektronische Schaltung. Alle Bikes setzen auf den TQ HPR40 mit 290-Wh-Akku, die MC10-Sattelstütze in verschiedenen Hub-Varianten sowie eine Shimano Di2-Schaltung.
Außerdem setzt Orbea an beiden Bikes ein Fox-Factory-Fahrwerk ein – den neuen Live-Valve-Neo-Dämpfer bekommt man allerdings nur am RS-LTD-Spec. Das RS-Team wird mit dem Float X2 Factory ohne elektronische Steuerung ausgeliefert. Weitere Unterschiede im Ausstattungslevel sind auf den Einsatz von XTR und Carbon-Laufrädern am Topmodell vs. XT und Alu-Laufrädern am günstigeren Modell zurückzuführen. Mit Double Down-Hinterreifen und EXO+-Karkasse am Vorderrad ist das Rallon RS gemessen am Federweg zweckmäßig ausgestattet, auch das Fahrwerk passt zum Einsatzbereich. Eine runtergekochte Mogelpackung gibt es hier nicht – klasse, bei dem Preis aber auch irgendwie zu erwarten!
Orbea Rallon RS Preis (UVP)
- Orbea Rallon RS-LTD 14.999 €
- Orbea Rallon RS-Team 10.999 €
| Modell | Rallon RS-Team | Rallon RS-LTD |
|---|---|---|
| Rahmen | Orbea Rallon RS OMR. Mullet and 29" wheels compatible. Concentric Boost 12x148 | Orbea Rallon RS OMR. Mullet and 29" wheels compatible. Concentric Boost 12x148 |
| Gabel | Fox 38 Float Factory 180, Grip X2, QR15x110, Kashima | Fox 38 Float Factory 180, Grip X2, QR15x110, Kashima |
| Dämpfer | Fox Float X2 Factory Trunnion 2-Pos Adjust Kashima custom tune 205x62.5mm | Fox Float X2 Live Valve Neo Factory Trunnion Evol LV custom tune 205x62.5mm |
| Schalthebel | Shimano XT M8250 | Shimano XTR M9250 |
| Schaltwerk | Shimano XT M8260 SGS | Shimano XTR M9260 12s |
| Kassette | Shimano CS-M8200 10-51t 12-Speed | Shimano CS-M9200 10-51t 12-Speed |
| Kurbel | e*thirteen Helix Race alloy 32T | e*thirteen Helix Race alloy 32T |
| Bremse | Shimano XT 8220 Hydraulic Disc | Shimano XTR 9200 Hydraulic Disc |
| Laufräder | Oquo Mountain Control MC32TEAM | Oquo Mountain Control MC32LTD |
| Vorderreifen | Maxxis High Roller III 2.40" 60 TPI 3CG/EXO+/TR MaxxGripp | Maxxis High Roller III 2.40" 60 TPI 3CG/EXO+/TR MaxxGripp |
| Hinterreifen | Maxxis DHR II 2.40" 60 TPI 3CG/DD/TR MaxxTerra | Maxxis DHR II 2.40" 60 TPI 3CG/DD/TR MaxxTerra |
| Sattel | Fizik Terra Ridon X5 145mm | Fizik Terra Ridon X1 145mm |
| Sattelstütze | OC Mountain Control MC10, 31,6mm, Electronic Dropper | OC Mountain Control MC10, 31,6mm, Electronic Dropper |
| Lenker | OC Mountain Control MC10 Carbon, Rise 20, Width 800 | OC Mountain Control MC10 Carbon, Rise 20, Width 800 |
| Vorbau | OC Mountain Control MC11 Alu SL, 0° | OC Mountain Control MC11 Alu SL, 0° |
| Motor | TQ-HPR40 | TQ-HPR40 |
| Display | Orbea RS HMI Remote | Orbea RS HMI Remote |
| Akkukapazität | 290Wh | 290Wh |
| Max. Drehmoment | 40 Nm | 40 Nm |
| Gewicht | 18 kg selbst gewogen, XL | |
| Preis (UVP) | 10.999 € | 14.999 € |
Orbea Rallon RS – Auf dem Trail
Das Orbea Rallon RS ist in meinen Augen ein verdammt gutes Fahrrad geworden. Ob man es jetzt Mountainbike oder E-Mountainbike nennen will, ist mir dabei nicht wichtig.
Nicht immer ist Zeit ein Presscamp wahrzunehmen – statt Sonne in Spanien gab es für das Rallon RS in unseren Rest-Dezember-Bedingungen in Deutschland für den ersten Test. Satte Böden, Schnee und Eis, das Rallon RS sollte es nicht einfach haben.
Anfang Dezember wurde uns das neue Bike stattdessen in der Redaktion präsentiert, inklusive gemeinsamer Ausfahrt im Anschluss. Abends zuvor hatte ich mich mit dem Rechen bewaffnet auf einen meiner Lieblingstrails – zwischenzeitlich legalisiert – nahe dem Redaktions-Hauptquartier begeben und frei gemacht. Mit erhöhter Feuchtigkeitssättigung im Hang, je weiter ich mich vom Traileinstieg entfernte, war klar: Das wird morgen spannend. Als ich den Highroller 3 am Vorderrad des Testbikes erspähte, wich der Skepsis die Zuversicht: Das wird gleich spaßig.
Aber erst einmal gilt es, sich die Höhenmeter zum Trail-Start zu verdienen. Straßen- oder Trail-Uphill? Wir sind ja nicht nur zum Spaß hier und wollen erfahren, wie das neue Rallon RS klettert. Also fahren wir Asphalt. Zumindest bis zum Einstieg des Trail-Uphills. Nach einer leichten Erkältung merke ich, wie die Herzfrequenz schnell ansteigt. Klassisches E-Bike-Feeling kommt nicht auf. Der Support ist spürbar, die Motorkennlinie und der spät einsetzende Leistungspeak auch. Ich teste mich durch die beiden Modi „Rally“ und „Range“, bleibe aber wegen typischer „German-Rangeweitenangst“ lieber bei „Range“.
Die ersten steileren und technischen Rampen lassen mich trotzdem zum Rally-Modus greifen. Der Motor hilft hier vor allem im technischen Uphill über Steine, das Momentum zu bewahren. Stellen, wo man mit dem Mountainbike im Uphill ins Stocken kommt, bügelt der HPR-40 aus und ermöglicht einem so, seinen Rhythmus beizubehalten. Damit klettert das Rallon RS technisch runder als das Mountainbike. Draufhalten und mit abwechselnd greifendem und durchdrehendem Reifen wie manchmal am Full-Power-E-MTB? Das darf man sich nicht erhoffen.
Auf den ersten Ausfahrten fühlte sich die Unterstützungsleistung des HPR-40 jedoch ruppig an, zumindest in Ausnahmefällen. Die Unterstützung setzte dann für einen kurzen Moment pulsierend ein und wieder aus – vorwiegend bei unrundem Tritt und geringer Trittfrequenz. Mit dem Voranschreiten des Tests verschwand diese Eigenheit. Ich gehe davon aus, dass das auf den lernfähigen Algorithmus zurückzuführen ist. Was nicht wegging: Gelegentlich gab es bei konstanter Kadenz, aber wenig Druck auf dem Pedal ein mahlendes Geräusch aus der Antriebseinheit. Das wiederum könnte am fehlenden Freilauf des HPR-40 liegen.
Insgesamt ist das Rallon RS aber ein sehr traktionsstarkes Rad – ohne dabei ineffizient zu werden, denn der Live-Valve-Dämpfer unterbindet ein Wippen des Hinterbaus auf sehr natürliche Art und Weise. Die Härte der Live-Valve-Abstimmung lässt sich über die Remote am Trail in Sekundenschnelle verändern. Die meiste Zeit bin ich jedoch im mittleren Modus gefahren und war damit zufrieden. Generell arbeitet die Plattformdämpfung des Federbeins harmonisch.
Im weiteren Testverlauf und ohne Erkältungsnachwirkungen wurde das Rallon RS zur Allzweckwaffe: Ob sportliche Touren mit Full-Power-E-MTBs oder semiunterstützte Touren mit Mountainbikern – das Rallon RS ist zwar für beide Einsatzzwecke ein leichter Kompromiss, macht aber viel möglich. Dennoch fühlt sich das Bike im Uphill wesentlich mehr nach Mountainbike an als alle E-Bikes, die ich bisher gefahren bin.
Grenzen wurden mir erst auf den steilsten Uphills, die ich zu Hause habe, gesetzt. Die Kombination aus Laub, losen Steinen darunter und einer satten Steigung überforderte das System aus Rad und Fahrer. Eine Skipiste mit hartem Boden und ähnlichem Gradient war anstrengend – aber möglich.
Zurück zu unserem Trail – der mit der hohen Feuchtigkeitssättigung. Extreme Bedingungen sind fürs Testen oft nicht besonders aussagekräftig, gerade im Matsch geht zu viel Eindruck verloren, zumindest im Bereich Fahrwerk und Dämpfung. Fahrstabilität, Geometrie und Balance setzt man bei schnell ausbrechenden Reifen dafür gut auf die Probe – und im ersten Eindruck gibt sich das Rallon RS hier keine Blöße.
In steilen Sektionen macht mir das Bike besonders Spaß: Mit seinem geringen Gewicht und dem zentralen Schwerpunkt lässt sich das Bike agil durch Kurven scheuchen und auf Linien bewegen, die mit dem E-Bike schon herausfordernd sind. Auch wenn das Rad in etwa so viel wiegt wie mein Downhill-Bike, so ist es dank der etwas kompakteren Geometrie und dem reduzierten Federweg doch deutlich lebendiger unterwegs.
Am XL-Rad muss ich mich in offeneren Kurven aber etwas um den Vorderrad-Grip bemühen. Etwas schade finde ich hier die konzeptionelle Trennung vom Rallon: Statt dem Kunden zwei Kettenstrebenlängen anzubieten, kommt das RS-Modell mit nur einem Hinterbau, der wiederum in allen Rahmengrößen zum Einsatz kommt. Mit 445 mm ist mir persönlich der Hinterbau, gemessen am langen Front-Center und dem hohen Stack, zu kurz. Gerade bei einem Hersteller, der durch das MyO-Custom-Programm quasi endlose SKUs im Programm hat, dürfte dieser Schritt doch eigentlich niederschwellig sein?
Etwas ruppig war auch die Fox 38, die verglichen mit einem anderen Modell mit gleichem Federweg spürbar zäher lief. Sie sorgte dafür, dass der agile Charakter des Rallon RS weiter unterstrichen wurde. Natürlich sprechen wir hier immer noch von einem Serienrad, das gewissen Herstellertoleranzen ausgeliefert ist. Eine Buchsenkalibrierung dürfte hier für bessere Ergebnisse sorgen und dem Rad noch mehr Feinfühligkeit verpassen.
Dämpfungsseitig eher auf der strammen Seite ist ebenso die Low-Speed-Druckstufe am X2 – wenn man sie erhöht. In den niedrigen Stufen bleibt das Fahrwerk satt und arbeitet feinfühlig. Mit nur wenigen, spürbaren Klicks lässt sich der Dämpfer aber wesentlich straffer abstimmen. Persönlich hat mir der satte Charakter besser gefallen, auf meinen Hometrails kann man den Federweg aber stellenweise auch gut brauchen.
Auch wegen des moderat steifen Gesamtpakets war mir im Endeffekt das satte Fahrwerk lieber: Das Gesamtkonzept mit 2,4″ breiten Reifen, Carbon-Laufrädern, Carbon“Rahmen und 38-mm-Gabel ist im Bereich Steifigkeit nicht so gutmütig und traktionsspendend, wie es meinem persönlichen Geschmack entspricht. Das bedeutet keinesfalls, dass das Rallon RS viel zu steif ist – nein, es liegt in einem gesunden Mittelfeld und bietet Tuning-Potenzial. Gerade weitere Experimente mit softeren Laufrädern fände ich interessant, um das wahre Traktionspotenzial auszuschöpfen. Wer lieber ein direktes Rad möchte, ist hier bereits gut bedient – Geschmackssache also.
Ich setze stattdessen mit dem Fahrwerk stärker auf Feinfühligkeit und Traktion, als üblich. Im Ergebnis ergibt sich dann ein Bike, das für mich auch bergab zum gern gesehenen Begleiter wird. Lebendig und leichtfüßig, aber mit Reserven für ordentlich Tempo, große Sprünge oder ruppiges Geläuf. Das Rallon RS ist in meinen Augen ein verdammt gutes Fahrrad geworden. Ob man es jetzt Mountainbike oder E-Mountainbike nennen will, ist mir dabei nicht wichtig. Es lässt vielmehr Kategorien verschmelzen und ist für mich eines der besten Werkzeuge für Fahrspaß, die ich je fahren durfte.
Aber ist es 15.000 € wert? Ein Rad in dieser Preisklasse steht für mich außer Frage. Und auch die Performance des Rallon RS ändert daran nichts. Auch die 11.000 € für das Team-Modell wären mir persönlich noch zu viel Geld für ein Fahrrad. In dieser Preisregion müssten für mich persönlich die wenigen Kompromisse komplett verschwinden: Ich will das umfassendere Geometrie-Konzept des Rallon EN, ich will einen inkludierten Servicevertrag für Zeitraum X und vielleicht auch eine Gabel, die gleich gut läuft wie andere Serien-38er.
Meinung @MTB-News.de
So richtungsweisend das neue Orbea Rallon RS ist, so speziell ist es in seiner Zielgruppe. Alleine die 11.000 € Einstiegshürde sind gewaltig. In einer weiterhin zum Teil sehr stark vorurteilsbehafteten Zielgruppe jagt das Rallon RS meiner Meinung nach eher im High-End-Mountainbike-Bereich nach Kunden als in der „klassischen“ E-MTB-Zielgruppe. Funktionell gibt es wenig Grund zur Beschwerde: Das Rallon RS ist ein Top-Bike, egal in welche Schublade man es stecken möchte.
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22 Kommentare
» Alle Kommentare im ForumDie Integration ist ja eine gute Idee, aber sonst?
Das leichte Gewicht wird mit einem sehr schwachen Motor und kleinem Akku erkauft.
Für Reichweite und Unterstützung muß man richtig reinklotzen, ohne jedoch bei Bedarf mehr
Leistung anfordern zu können.
Wo ist da die Zielgruppe? Der Biker der hier die entsprechende Leistung aufbringt ist so gut in der Kondition, der verzichtet doch auf das kleine Motörchen und den anderen ist alles zuwenig.
Dann frage ich mich 11.000€ und keine abgestimmte Kettenstrebe. Eine über alle Größen.
Und wenn man schon Premiumhersteller an Bord nimmt und Premium verlangt, wäre doch eine gut Kalibrierte Gabel serienmäßig drin gewesen. So ist es halt Glücksache was der Fox Mitarbeiter zusammensteckt in seiner Laune.
Ist es beim MTB eigentlich für die Lebensdauer des Motorgetriebe gut wenn auf den Freilauf verzichtet wird?
Das Bike ist doch eh mehr ein Konzept und zeigt, wo es die nächsten Jahre hingeht.
Grundsätzlich ist das auch so aber in den nächsten Jahren werden die "Bio" Bikes aussterben und da kommt dann Minimal Assist.
Ich würde sagen, dass das jetzt so ist wie damals die 27,5" Geschichte.
Naja, schickes Rad aber hätte mich mit dem HPR 60 mehr angesprochen. So ist ist schon ein sehr spezieller, kleiner Einsatzbereich
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