Die Diskussion um starke E-Bike-Motoren läuft längst nicht mehr nur in Kommentarspalten. Spätestens seit dem neuen Avinox M2S und der Debatte um mögliche neue Leistungsgrenzen für EPACs steht eine Grundsatzfrage im Raum: Wie viel Leistung verträgt ein E-Mountainbike, bevor es politisch, rechtlich und gesellschaftlich zum Problem wird?
avinox hat dazu nun ein längeres Statement veröffentlicht. Der Titel: „Power with Purpose“ – also frei übersetzt: Leistung mit Sinn und Zweck. Der Kern: Mehr Power sei kein Selbstzweck, sondern könne mehr Menschen den Zugang zum Mountainbiken ermöglichen.
Was Avinox mit „Power with Purpose“ meint
Avinox versucht, die Debatte umzudrehen. Nicht die reine Wattzahl soll im Mittelpunkt stehen, sondern die Frage, wofür die Leistung eingesetzt wird. Der Hersteller trennt deshalb klar zwischen Motorleistung und Geschwindigkeit: Ein starkes E-MTB werde nicht automatisch schneller, solange es bei 25 km/h sauber abregelt und nur beim Treten unterstützt.
Die hohe Leistung soll laut Avinox vor allem dort helfen, wo Geschwindigkeit niedrig und Kontrolle entscheidend ist: an steilen Rampen, über Stufen, in technischen Uphills oder mit schwerem Fahrer, Gepäck oder nachlassender Fitness. Mehr Power sei in dieser Lesart kein Krawallmodus, sondern ein Werkzeug.
Dazu kommt das Argument der Systemintegration. Avinox verweist auf Sensorik, Software und Schutzfunktionen, etwa eine reduzierte Motorleistung beim Schalten. Ein starker Motor soll also nicht isoliert betrachtet werden, sondern als Teil eines abgestimmten Systems aus Rahmen, Akku, Antrieb, Bremsen, Reifen und Software.
Warum das technisch plausibel ist
Ganz wegwischen kann man diese Argumentation nicht. Wer technische Uphills fährt, weiß: Leistung ist nicht automatisch Tempo. Oft geht es um das Gegenteil – langsam bleiben, Traktion halten, nicht abwürgen, nicht hektisch vom Pedal steigen. In solchen Situationen kann ein starker, gut dosierbarer Motor tatsächlich Kontrolle bringen.
Das deckt sich auch mit unseren Eindrücken aus dem Test des Avinox M2S. Die Kraft verändert das Uphill-Fahren massiv, aber sie ist nicht einfach nur stumpfer Vortrieb. Entscheidend ist, wie fein der Motor auf Pedaldruck, Kadenz und Traktion reagiert.
Damit trifft Avinox einen wunden Punkt der Debatte: Eine pauschale Wattzahl sagt wenig darüber aus, wie sich ein E-MTB auf dem Trail wirklich verhält. Ein schlecht abgestimmter schwächerer Motor kann ruppiger und unkontrollierter wirken als ein starker, aber sauber geregelter Antrieb.
Wo Avinox zu kurz greift
Trotzdem löst Avinox mit dem Statement nicht das eigentliche Problem. Die Frage ist nicht nur, ob hohe Leistung technisch beherrschbar ist. Die Frage ist auch, wie solche Bikes draußen wahrgenommen werden – von Wanderern, Förstern, Behörden, Politik und anderen Trail-Nutzern.
Ein E-MTB kann rechtlich ein Fahrrad bleiben und sich trotzdem für Außenstehende immer weniger wie eines anfühlen. Große Leistungswerte, aggressives Marketing und immer extremere Uphill-Videos helfen dieser Wahrnehmung nicht unbedingt. Genau hier beginnt das Risiko für alle: Wenn E-MTBs politisch als motorisierte Sportgeräte gelesen werden, wird es für den Zugang zu Wegen und Trails schwieriger.
Avinox argumentiert also vor allem aus Sicht des Systems: Was kann der Motor, wie regelt er, wie sicher ist er? Die Verbände argumentieren aus Sicht des Fahrradstatus: Wie bleibt das E-Bike rechtlich und gesellschaftlich ein Fahrrad? Das sind zwei verschiedene Ebenen – und beide sind relevant.
Warum die 250 W so wichtig sind
Genau an dieser Stelle wird es technisch-juristisch. Der Fahrradstatus eines E-Bikes hängt in Europa nicht nur an der 25-km/h-Grenze, sondern auch an der maximalen Nenndauerleistung von 250 W. Diese Grenze steht in der EU-Verordnung 168/2013 und ist einer der Gründe, warum Pedelecs rechtlich wie Fahrräder behandelt werden.
Der ZIV kritisiert deshalb nicht nur hohe Spitzenwerte auf dem Datenblatt. Aus Verbandssicht entsteht eine Grauzone, wenn ein System formal als 250-W-Pedelec läuft, im Fahrbetrieb aber über längere Zeit deutlich höhere Unterstützungsleistung bereitstellt. Dann stellt sich die Frage: Ist das noch ein Fahrrad – oder bewegt sich das System rechtlich in Richtung L1e-B, also S-Pedelec?
Damit wird klar, warum Avinox und ZIV teilweise aneinander vorbeireden. Avinox argumentiert aus der Fahrpraxis: Mehr Leistung bei niedriger Geschwindigkeit kann Kontrolle bringen. Der ZIV argumentiert aus der Regulierung: Wenn die 250-W-Grenze praktisch ausgehöhlt wird, verliert das E-Bike seine klare Abgrenzung zum Kraftfahrzeug.
Der große Konflikt: Innovation gegen Regulierung
Der ZIV schlägt eine klarere Definition von EPACs vor – unter anderem mit maximal 750 W Unterstützungsleistung am Antriebsrad und einem definierten Unterstützungsverhältnis. Warum das Thema so sensibel ist, haben wir im Interview mit Claus Fleischer ausführlich besprochen: Es geht nicht nur um Technik. Es geht darum, dass E-Bikes rechtlich Fahrräder bleiben – ohne Typgenehmigung, Kennzeichen, Versicherungspflicht oder neue Einschränkungen auf Wegen und Trails.
Avinox wehrt sich gegen starre Leistungsgrenzen, wenn diese nicht sauber begründet sind. Das ist verständlich: Zu starre Regeln können Innovation abwürgen, bevor klar ist, welche Systeme wirklich problematisch sind und welche nicht. Gleichzeitig ist die Sorge der Verbände nicht aus der Luft gegriffen. Wenn E-Bikes irgendwann wie kleine Motocross-Geräte vermarktet oder wahrgenommen werden, wird der Fahrradstatus angreifbar.
Der Konflikt lässt sich deshalb nicht auf „Industrie gegen Innovation“ oder „Avinox gegen Europa“ reduzieren. Es geht um einen Kompromiss: technische Entwicklung ermöglichen, ohne das gemeinsame Fundament zu beschädigen, auf dem E-MTBs heute fahren dürfen.
Warum das Thema jetzt so heiß ist
Avinox ist längst kein exotischer Einzelmotor mehr. Mit M2 und M2S sind zahlreiche E-MTBs unterwegs oder angekündigt. Einen Überblick findet ihr in unserem Artikel zu 12 spannenden E-Bikes mit Avinox M2S.
Gleichzeitig stellt sich eine Marktfrage: Folgen Bike-Hersteller gerade einem echten Technologiesprung – oder einfach dem nächsten Hype? Diese Frage haben wir im Kommentar „Wiederholt sich mit dem Avinox M2 ein Fehler?“ bereits zugespitzt.
Damit bekommt die Leistungsdebatte eine neue Schärfe. Solange ein einzelner Hersteller mit großen Zahlen wirbt, bleibt es ein Sonderfall. Wenn aber immer mehr Bikes mit sehr hoher Leistung auf den Markt kommen, wird daraus ein Branchenthema – und irgendwann ein politisches Thema.
Was bedeutet das für uns auf dem Trail?
Für viele Fahrer ist die Sache einfach: mehr Power, mehr Spaß, mehr Möglichkeiten. Und ja, genau das ist ein Teil der Wahrheit. Ein starker Motor kann steile Anstiege fahrbar machen, Gruppenfahrten angleichen und technische Passagen öffnen, die vorher nur wenigen vorbehalten waren.
Aber Trails sind kein Labor. Dort geht es nicht nur darum, was ein System technisch kann. Es geht auch darum, wie andere Nutzer das erleben. Ein leise und kontrolliert gefahrenes E-MTB mit starkem Motor fällt kaum auf. Ein lautes, ruppiges, bergauf aggressiv gefahrenes E-MTB kann dagegen das Bild einer ganzen Kategorie beschädigen.
Das ist der Punkt, an dem Verantwortung nicht mehr nur bei Avinox, Bosch, Shimano oder Brose liegt. Sie liegt auch bei Bike-Herstellern, Händlern, Medien – und bei uns auf dem Rad.
Meinung @eMTB-News.de
Avinox hat mit einem Punkt recht: Leistung ist nicht automatisch Geschwindigkeit. Ein starkes E-MTB ist kein S-Pedelec, solange es nur beim Treten unterstützt und bei 25 km/h sauber abregelt. Wer technische Uphills fährt, weiß außerdem: Mehr Drehmoment kann Kontrolle bringen, nicht nur Krawall.
Trotzdem ist das Statement natürlich auch Lobbyarbeit in eigener Sache. Avinox baut aktuell eines der stärksten Systeme im Markt – und möchte verhindern, dass genau diese Stärke zum regulatorischen Problem wird. Verständlich. Aber die Branche muss aufpassen, dass sie sich nicht in eine Zahlenschlacht treiben lässt.
Unser Eindruck nach den bisherigen Tests: Der Avinox M2S macht bergauf brutal viel Spaß. Er verschiebt die Grenzen dessen, was fahrbar ist. Genau darin liegt seine Faszination – und sein Risiko. Wenn mehr Leistung dazu führt, dass E-MTBs auf Trails stärker als motorisierte Fahrzeuge wahrgenommen werden, hat am Ende niemand gewonnen.
Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht: Sind 1.500 Watt beeindruckend? Ja, sind sie. Die wichtigere Frage lautet: Wie lange lässt sich ein solches System noch glaubwürdig als 250-W-Pedelec erklären – und bleibt das E-Mountainbike damit gesellschaftlich und rechtlich noch ein Fahrrad?
Was meint ihr: Ist Avinox’ Argument überzeugend – oder braucht es eine klare Leistungsgrenze, damit E-MTBs Fahrräder bleiben?
324 Kommentare
» Alle Kommentare im ForumAndere Frage:
wie hoch ist die erlaubte Peak Power bei Pedelecs in China
Antwort:
In China ist die maximale Nenndauerleistung (oft als Nennleistung bezeichnet) für Standard-Pedelecs gesetzlich auf 400 Watt begrenzt. Die erlaubte Peak-Power (Spitzenleistung) ist in den nationalen Richtlinien nicht explizit als exakter Maximalwert definiert, aber gängige Motoren in diesem Rahmen liefern meist kurzzeitig eine Spitzenleistung von etwa 500 bis 750 Watt, bevor sie vom Controller abgeregelt werden. [1, 2]
Wichtige rechtliche Rahmenbedingungen für E-Bikes nach dem aktuellen nationalen Standard (GB 17761) sind:
Frag doch mal in Nordkorea an. Ist genau so spannend.
- Importierte Grauzone: Fast alle in Nordkorea genutzten E-Bikes sind chinesische Importe. Technische Prüfverfahren bezüglich der Motor-Spitzenleistung (Peak Power) gibt es für Endnutzer nicht. [1, 2]
- Radikale Modifikationen: Aufgrund mangelnder Treibstoff- und Transportalternativen bauen Nordkoreaner ihre E-Bikes im privaten Raum massiv um. Motoren und Akkus werden illegal aufgerüstet ("Performance Tuning"), um schwere Lasten oder Passagiere gegen Bezahlung zu transportieren. Eine Regulierung der Watt-Leistung greift hier in der Praxis nicht. [1]
- Regulierung über Verbote, nicht über Wattzahlen: Wenn der Staat eingreift, dann nicht wegen technischer Kennzahlen der Fahrräder, sondern aufgrund von Stromknappheit. Da das Laden der Akkus das marode nordkoreanische Stromnetz belastet, kam es in der Vergangenheit zu regionalen Beschränkungen, bürokratischen Erlaubnispflichten oder gar Konfiszierungen. [1]
- Allgemeine Fahrrad-Registrierung: Unabhängig von der Motorleistung gilt in Nordkorea (vor allem in Pjöngjang), dass Fahrräder polizeilich registriert sein müssen und ein Nummernschild tragen müssen. [1, 2]
Zusammenfassend lässt sich sagen: Eine legale Obergrenze für die Peak Power im westlichen Sinne ist im nordkoreanischen Verkehrsrecht nicht existent. Entscheidend für die Behörden vor Ort ist, ob der Bürger eine Fahrerlaubnis für das Rad besitzt und wie die aktuelle Stromversorgungslage im Bezirk geregelt ist. [1, 2, 3]Da biste sicherlich froh Europäer zu sein...
Ja klar wollte ich eine Gegenmeinung.
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