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Reisebericht Lofoten mit dem E-MTB – von Nathalie Schneitter
In Zeiten, in denen alles auf der Welt schon entdeckt und erschlossen ist, fühlen sich die Lofoten noch nach Abenteuer an. Es ist Juni, das Mitternachtslicht sorgt für magische Stimmungen und die Sonne geht wochenlang gar nicht unter, das wollen wir erleben und zwar auf dem Trail. Zu zweit brechen wir auf, um diese ungezähmte Welt zu erkunden. Wir zwei sind Nikolaj Juhlsen und ich, Nathalie Schneitter. Zwei Mountainbiker, die unterschiedlicher gar nicht sein könnten: Ich mit einer langjährigen Vergangenheit im Rennsport und Nikolaj, der mit seinen POV-Fahrten in der Szene bekannt wurde. Mit dabei unsere E-Mountainbikes. Wie sich noch zeigen wird, genau die richtige Wahl.
Die Lofoten versprechen Magie, Wind und Wetter. Das Archipel im Norden Norwegens, weit jenseits des Polarkreises, besteht aus rund 80 Inseln. Über 150 Kilometer erstrecken sich die Inseln schroff ins Meer geworfen, ihre Gipfel recken sich wie gezackte Zähne in den arktischen Himmel. Eine einzigartige Kulisse – wie gemacht für raue Touren und große Erlebnisse. Und das Wetter? Das macht, was es will. Während es in einem Moment sonnig, windstill und fast mediterran ist, kann schon wenige Minuten später Nebel oder Regen aufziehen. Der Taktgeber dabei ist der Wind, der mal sanft vom Meer herweht und dann wieder heftig über Gipfel und durch Täler stürmt. Der warme Golfstrom sorgt dafür, dass die Temperaturen deutlich höher liegen, als man auf dieser nördlichen Breite über dem Polarkreis erwarten würde – mild im Winter, kühl im Sommer und wechselhaft das ganze Jahr über.
Unser Basecamp liegt in Unstad, einem Ort, der eher Wellenreiten als Mountainbiken verspricht. Der Strand ist ein Hotspot für Kaltwasser-Surfer aus aller Welt. Und genau dort beziehen wir unser Quartier: ein schlichtes Holzhaus im Surfcamp, mit Aussicht aufs Meer und einem Koch im Restaurant, der uns jeden Abend mit kulinarischen Kunstwerken überrascht. Obwohl hier im Norden kaum was wächst, essen wir viel Einheimisches. Zum Beispiel Kabeljau, den wir als „Bacalao“, einem Tomaten-Kabeljau-Eintopf, genießen. Und natürlich dürfen auch „Kanelboller“, also Zimtschnecken, zum Frühstück nicht fehlen.
Bereits die Anreise hat es in sich. E-Bikes lassen sich bekanntlich nicht im Flugzeug transportieren – und nach Norwegen nicht mal ohne Akku. Unsere Lösung: Während wir nach Norwegen fliegen, reisen die Bikes separat per Post. Für uns geht die Reise von München nach Bodø und weiter nach Leknes. Zwei Flüge, drei Wetterumschwünge und ein halbes Dutzend Sicherheitskontrollen später stehen wir da – mitten im Abenteuer. Unsere Bikes scheinen die Reise jedoch gemütlicher angegangen zu sein und tauchen erst am Tag darauf auf. Norwegen ist nicht in der Europäischen Union, was das Versenden von Ware exponentiell schwieriger gestaltet und uns bis zum Schluss zittern lässt, ob die Bikes überhaupt je ankommen.
Was uns erwartet, ist keine Trailpark-Idylle. Die Lofoten bieten keine gebaute Mountainbike-Infrastruktur, sondern Schaf-Trails und alte Wanderpfade. Teils vermoost, verblockt, verwunschen. An vielen Orten wirkt es, als seien wir die ersten, die hier mit einem Mountainbike entlangfahren. Kein Flow-Trail, sondern Fahrtechnik am Limit – bergauf wie bergab. Wer hier unterwegs ist, muss sein Bike lieben, das Schieben akzeptieren und mit nassen Socken leben können. Das E-Bike ist auf den Lofoten kein Luxus, sondern Grundvoraussetzung. Ohne elektrische Unterstützung wären viele der steilen, steinigen Rampen nicht zu bezwingen – sie ziehen sich endlos hinauf, oft über loses Geröll oder schmierige Felsen, die selbst geübte Beine zum Glühen bringen. Hier zeigt sich, was E-Mountainbikes wirklich draufhaben: Sie verwandeln das Unmögliche in ein breites Grinsen. Wer jedoch technische Trails nicht mag, ist hier so falsch wie Flipflops im Geröllfeld.
Die Vegetation ist tundrisch, fast arktisch. Bäume sieht man nur vereinzelt, stattdessen herrschen Moose, Flechten und zähe Kräuter vor. Das Moos ist tückisch: optisch weich, tritt man hinein, versinkt man zehn Zentimeter tief. Die Fauna ist scheu, aber spektakulär: Seeadler kreisen über der Küste, Papageitaucher nisten auf den Klippen und mit etwas Glück zeigt sich ein Elch zwischen den Sträuchern. Wir treffen den Elch leider nicht auf dem Trail, sondern erspähen drei Tiere mitten in der Nacht aus dem Auto heraus. Natürlich halten wir an und freuen uns über die Sichtung. Die Elche interessiert das aber herzlich wenig, sie fressen ganz ruhig weiter. Wahrscheinlich sind wir nicht die ersten Menschen in großen Blechfahrzeugen, auf die sie treffen.
Unser Guide Seth ist selbst eigentlich Amerikaner, lebt jedoch seit über 20 Jahren auf den Lofoten, spricht fließend Norwegisch und kennt jede Ecke der Inselgruppe. Zudem ist er ein wandelndes Lexikon. Von ihm erfahren wir, dass frühe Besiedlungen auf den Lofoten bis in die Wikingerzeit zurückreichen und über Jahrhunderte der Fischfang – insbesondere der Skrei, der Winterkabeljau – das wirtschaftliche Rückgrat der Region ist. Das erfahren auch wir, als es auf den letzten Metern eines Trails plötzlich ziemlich nach Fisch stinkt. Eine Kurve weiter sehen wir auch warum: getrocknete Fische soweit das Auge reicht. Der Kabeljau wird im Winter gefangen und dann draußen an Holzgestellen luftgetrocknet. Heute hängen in vielen Dörfern noch tausende Fische zum Trocknen auf riesigen Holzgestellen, die als Wahrzeichen der Lofoten gelten.
Die Menschen auf den Lofoten leben mit der Natur, nicht gegen sie. Sie trotzen Sturm und Schneeregen, lieben die Mitternachtssonne und fürchten den Polarnacht-Winter nicht. Der Sommer bringt nicht nur Licht rund um die Uhr, sondern auch Touristen, Wanderer und eben: Mountainbiker. Im Winter kehrt Stille ein – wochenlang bleibt es dunkel, die Sonne zeigt sich nicht. Doch die Locals nehmen die Gegensätze mit nordischer Gelassenheit.
Diese Gelassenheit versuchen auch wir uns anzueignen, als wir auf dem Berggipfel von einem Regenschauer überrascht werden. Wir sitzen im Nebel, anstatt wie erhofft auf einem Felsvorsprung über die Bucht zu blicken und darauf einen epischen Kreten-Trail hinunterzufahren. So heißt es Regenjacke an, Thermoskanne raus und warten, bis sich der Nebel verzogen hat. Während die Nässe langsam durch die Nähte unserer Jacken sickert und der heiße Tee von innen versucht, gegen die Kälte abzudichten, sitzen wir die Situation einfach aus und versuchen, uns daran zu freuen, dass wir selten die Elemente so intensiv wahrgenommen haben. Wir haben Glück, unsere Geduld zahlt sich aus und wir werden mit einem erstklassigen Panorama, einem spaßigen Trail und goldenem Licht belohnt. Nichts ist ärgerlicher, als wenn man nach einem schweißtreibenden Aufstieg nicht belohnt wird.
Als Highlight unseres Trips planen wir eine Mitternachtstour. Nach dem Abendessen satteln wir erneut auf und um Mitternacht stehen wir auf einem Gipfel, um halb zwei rollen wir wieder talwärts – ohne Lampe, bei fast taghellem Licht. Es ist surreal. Und wunderschön. Mehr als einmal schaffen es unsere Energiereserven jedoch nicht, nach dem Abendessen nochmals loszuziehen. Wenn der Tag-Nacht-Rhythmus nicht durch Dunkelheit vorgegeben ist und man rund um die Uhr Trails fahren kann, wird Schlafrhythmus und Energiehaushalt zum limitierenden Faktor des Trailspaßes.
Eigentlich sind wir für ein Fotoshooting hier. Aber was als Job beginnt, wird schnell ein Urlaub mit Tiefgang. Nikolaj und ich sind ein starkes Duo: Er motiviert mich bergab, ich gebe ihm Fahrtechnik-Inputs bergauf. Wir lachen, schwitzen, diskutieren und beim Aussitzen von Regenschauern philosophieren wir auch viel. Wir essen zu viel, fahren noch mehr, und sind uns einig: Dieser Trip ist stimmig. In jeder Hinsicht.
Die Lofoten sind rau, ungezähmt, voller Gegensätze. Wer sie mit dem E-Mountainbike erleben will, muss bereit sein, sich auf Wetter, Terrain und Stille einzulassen. Aber wer das tut, wird belohnt – mit Erlebnissen, die bleiben. Mit Trails, die herausfordern. Und mit Licht, das für immer in Erinnerung bleibt.
Lofoten mit dem E-MTB – das Wichtigste auf einen Blick
- Beste Reisezeit: Juni bis August – Mitternachtssonne, stabile Temperaturen
- Anreise: Flug via Oslo nach Bodø oder direkt nach Leknes. E-Bike-Transport nur per Post oder Spedition (wegen Akku/Motor).
- Unterkunft: https://www.unstadarcticsurf.com/
- Navigation: GPS-Tracks oder ortskundiger Guide empfohlen – keine offizielle MTB-Beschilderung.
- Guiding: https://www.alpineguides.no/about
- Ausrüstung: E-MTB mit starker Motorunterstützung, Reifen mit viel Traktion, Wetterschutz.
- Schwierigkeitsgrad: Hoch – sehr technische Trails, oft unerschlossen, mit Schiebe- und Tragestrecken.
- Stimmung: Zwischen Fjord und Felswand, zwischen Wind und Wunder. Nordisch. Eigenwillig. Magisch.
- Rider: Nathalie Schneitter – @natuzzchen // Nikolaj Juhlsen – @nikolaj.jr
- Fotos: Sverre Hjornevik @sjut.no
- Location: Lofoten, NO
- Shooting-Zeitraum: Juni 2025
- Bike: Trek Rail+ 9.9
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3 Kommentare
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Travelstory – Lofoten: Uphill Flow in der Mitternachtssonne
Mitten in der Nacht Trails surfen ohne Lampe – wäre das was für euch?
Tolle Bilder, tolle Gegend!!
Zeigt leider, oder zum Glück nicht die Massen, in den Tälern, Orten und Hotspots sind.
Was sind POV Fahrten?
Blickwinkel, Perspektive
Subjektives Mitfahren
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