Focus JAM² NEXT – ein recycelbares E-Bike
Das passiert eher selten bis nie: Wir stellen euch ein neues Bike vor, das es so wahrscheinlich nie im Handel geben wird. Krass, oder? Denn, obwohl das Focus JAM² NEXT fix und fertig war und den Entwicklungs- oder Projektstatus längst hinter sich gelassen hatte, wird das Bike vorerst nicht auf den Markt kommen. Der Grund: Noch bevor die ersten Rahmen in Serie gefertigt werden konnten, meldete der Rahmenhersteller Rein4ced Anfang 2026 Insolvenz an. Wir finden dennoch, dass man einfach über dieses Projekt und dieses Bike reden muss, denn hier wurden die Themen Nachhaltigkeit, Fertigung, Werkstoff und Design im Hinblick auf den Einsatz als vollwertiges E-Mountainbike vollumfänglich betrachtet und bestmöglich miteinander kombiniert.
Die Eckdaten des Focus JAM² NEXT sprechen für ein interessantes E-Mountainbike, das sich im Segment der All Mountains und Enduros behaupten möchte. Es verfügt über 160 mm Federweg an der Front und 150 mm am Heck, setzt auf einen Viergelenker am Heck – typisch für Focus –, rollt auf 29-Zoll-Laufrädern und wird von einem Bosch CX Gen5 Mittelmotor angetrieben. Dieser bezieht seine Energie aus einem 600-Wh-Akku, der sich aus dem Unterrohr bequem entnehmen lässt. Zusätzlich kommt eine Lenker/Vorbaueinheit aus Carbon zum Einsatz. Diese lässt sich übrigens auch recyceln, denn das verwendete Harz lässt sich mit einer speziellen Flüssigkeit auflösen, damit im Anschluss die reine Faser übrig bleibt.
Aufgrund der neuartigen Fertigung und der dadurch anfangs noch hohen Fertigungskosten, hätte Focus die Stückzahl der ersten Serie auf 200 Stück limitiert. Der thermoplastische Carbonrahmen (Hauptrahmen) wiegt 1590 g und wäre in Belgien produziert worden. Zudem wäre der Hinterbau aus „grünem“ Aluminium – hergestellt mit erneuerbarer Energie – gefertigt und das gesamte Set wäre am Ende in Deutschland lackiert worden. Sämtliche Plastikteile sind aus recyceltem Plastik und die austauschbaren Aluminiumteile (recycelte und recycelbare) kämen aus Deutschland.
Focus NEXT-Projekt – was ist das genau?
Das NEXT-Projekt von Focus geht weit über reine Materialforschung hinaus und stellt eine zentrale Frage: Welche Verantwortung tragen Unternehmen für die Produkte, die sie entwickeln und in den Umlauf bringen?
Mit NEXT bündelt Focus eigene Technologie- und Entwicklungsprojekte mit dem Ziel, langfristig bessere Lösungen für die Zukunft zu schaffen. Thermoplaste, recycelte Kunststoffe, grünes und recyceltes Aluminium sowie Designansätze mit Fokus auf Recyclingfähigkeit sind zentrale Bausteine dieser Vision. NEXT steht für den Anspruch, Bikes der kommenden Generationen verantwortungsvoller zu gestalten.
Dabei ist dem Team von Focus bewusst: Der Weg ist ein Lernprozess. Man muss Bestehendes hinterfragen, sich kontinuierlich weiterentwickeln und immer neue, bessere Fragen stellen.
Für diesen nachhaltigen Designansatz wurde das NEXT Projekt bereits mit dem iF Design Award 2025 ausgezeichnet.
Aktuell arbeiten wir an mehreren Forschungsprojekten, über die wir euch regelmäßig informieren möchten. Dazu zählt unter anderem das Espresso-Forschungsprojekt in Zusammenarbeit mit Rein4ced und dem Fraunhofer-Institut, in dem wir konkrete Lösungsansätze für das bestehende Abfallproblem von herkömmlichem Carbon entwickeln.
Geplant war, dass Focus das JAM² NEXT im ersten Schwung nur in den beiden Rahmengrößen M und L fertigen und auf den Markt bringen wird. Warum? Nun, die neuartige Fertigung wäre am Anfang noch teurer gewesen, weshalb man sich im ersten Schritt dazu entschied, die Rahmengrößen zu einem späteren Zeitpunkt zu skalieren.
Wir starten unser thermoplastisches E-MTB ganz bewusst mit den beiden wichtigsten Rahmengrößen M und L. Der Schritt in diese neue, recycelbare Materialtechnologie ist ein großer Innovationssprung, den wir zunächst wirtschaftlich verantwortungsvoll skalieren. Bei entsprechender Nachfrage werden wir das Angebot aber um zusätzliche Größen erweitern. Wir sind überzeugt, dass diese nachhaltige Bauweise die Zukunft des Carbonrahmenbaus darstellt und daher auch für alle Fahrertypen zugänglich sein sollte.
Herkömmliche Carbonprodukte basieren in der Regel auf Epoxidharzen, die sich kaum recyceln lassen. Beim NEXT-Rahmen kommt stattdessen ein thermoplastisches Polymer zum Einsatz, das mehrfach eingeschmolzen werden kann. Dadurch lassen sich sowohl das Polymer als auch die Carbonfasern vollständig zurückgewinnen und im Recyclingprozess für andere Produkte erneut verwenden.
Dieses Recycling ist nicht nur am Ende der Lebensdauer des Rahmens möglich. Auch Produktionsreste aus der Fertigung können wiederverwertet werden. Auf diese Weise kann der Materialabfall deutlich reduziert werden. Im Gegensatz dazu werden klassische Carbonrahmen aus Epoxidharz heute meist entsorgt, verbrannt oder lediglich als minderwertiges Füllmaterial genutzt. Die Möglichkeit, ein Bauteil recyceln zu können, ist hier nicht nur ein Zusatz, sondern bereits Teil des Entwicklungsprozesses. Sie wird bereits in der Entwurfsphase berücksichtigt.
Um das zu erreichen, wurde die Materialvielfalt bewusst reduziert. Konventionelle Carbonrahmen bestehen aus verschiedenen Materialien wie Carbonfasern, Harzen, Klebstoffen, Aluminiumeinsätzen und Glasfasern. Diese Materialmischung erschwert das Recycling erheblich. Beim NEXT-Rahmen wird nur ein Fasertyp in Kombination mit einem Polymer verwendet. Technisch handelt es sich dabei um ein sogenanntes Mono-Composite.
Zusätzlich wurde der Rahmen auf Langlebigkeit und Wiederverwertbarkeit ausgelegt. Die Anzahl der Gewinde wurde reduziert und so gestaltet, dass sie bei Bedarf einfach ausgetauscht werden können.
Mit dem JAM² NEXT wird diese Entwicklung erstmals in einem seriennahen Produkt umgesetzt. Damit schafft Focus die Grundlage, um Erfahrungen zu sammeln und die notwendige Infrastruktur rund um diese Technologie weiter aufzubauen.
Entwicklungsperspektiven für Carbonrahmen
Seit mehr als 20 Jahren produziert die Fahrradindustrie Carbonrahmen, zunächst für eine kleine Zielgruppe, später zunehmend für den Massenmarkt. Die Herstellung basiert dabei bis heute überwiegend auf manuellen Prozessen. Das entsprechende Fachwissen ist stark in Asien konzentriert, wo diese Technologien seit langem etabliert sind.
Ein zentrales Problem klassischer Carbonrahmen liegt im Umgang mit dem Material am Ende seines Lebenszyklus. Epoxidbasierte Carbonverbunde lassen sich nur sehr eingeschränkt recyceln. Thermoplastische Verbundwerkstoffe bieten hier einen klaren Vorteil, da sie wieder aufgeschmolzen und erneut verarbeitet werden können. Während solche Materialien in der Luft- und Raumfahrt sowie in der Automobilindustrie bereits eingesetzt werden, spielen sie bei Sportgeräten – einschließlich Fahrrädern – bislang kaum eine Rolle.
Der Einsatz von Thermoplasten eröffnet neue Produktionsansätze, insbesondere im Hinblick auf automatisierte Fertigungsprozesse im Rahmenbau. Schnell wurde deutlich, dass diese Möglichkeiten nur mit einem angepassten Designkonzept sinnvoll genutzt werden können. An diesem Punkt entstand das Projekt Falcon. Ziel war es, Rahmenentwicklung und Fertigung konsequent gemeinsam zu denken. Dafür mussten bestehende Entwicklungsprozesse an die neuen Material- und Produktionsanforderungen angepasst werden.
Die enge Verzahnung von Konstruktion und Fertigung entspricht unserem Verständnis von „Design for Manufacturing“: Designentscheidungen werden von Beginn an unter Berücksichtigung der Produktionsprozesse getroffen, um Materialeinsatz, Effizienz und Nachhaltigkeit systematisch zu verbessern.
Video: Focus JAM² NEXT – nachhaltig & recycelbar
Motor & Akku
Beim Motorsystem setzt Focus auf die Bosch Performance Line CX, verbaut ein Kiox 400C-Display im Oberrohr und setzt in den Carbonrahmen einen Bosch PowerTube-Akku mit 600 Wh Kapazität ein.
- Motor Bosch Performance Line CX Gen5
- Akku Bosch PowerTube
- Akkukapazität 600 Wh
- Nenndauerleistung 250 Watt
- Spitzenleistung 750 W
- Max. Drehmoment 105 Nm
- Display Bosch Kiox 400C
Ausstattung
Geplant war im ersten Schritt nur eine Ausstattungsvariante des Focus JAM² NEXT, die es für 8.999 € (UVP) gegeben hätte.
- Federgabel Fox 36 Factory, Grip X2, 160 mm
- Dämpfer Fox Float X Factory, 150 mm
- Schaltung Shimano Deore XT Di2, 12-speed
- Bremsen Shimano Deore XT
- Laufräder DT Swiss HX 1700
- Reifen
- Vorderrad Schwalbe Albert Evo, Trail, Ultra Soft, 65-622
- Hinterrad Schwalbe Albert Evo, Trail, Soft, 65-622
- Cockpit FOCUS One Piece SL Cockpit, 800 mm, Rise 25 mm, Stem 50 mm
- Sattel fi’zi:k Aidon X5
- Sattelstütze OneUp V3, M /L: 180 / 210 mm
- Gewicht 23,3 kg (Rahmengröße L, gewogen von eMTB-News.de
Focus JAM² NEXT – erster Test auf dem Trail
Wir haben frühzeitig von Focus die Möglichkeit bekommen, das neue Focus JAM² NEXT für euch zu testen und dem Rahmenmaterial ein wenig auf die Fasern zu fühlen. Hierfür war ich auf meinen Hometrails rund um Bamberg, aber auch auf einigen Trails in der Pfalz unterwegs. Ideales Gelände, um ein Bike mit 160/150 mm artgerecht durch den Wald zu bewegen.
Focus positioniert das JAM² seit jeher als vielseitigen Allrounder, der sich sowohl im All-Mountain-Gelände als auch auf anspruchsvollen Enduro-Trails zuhause fühlt. Der leistungsfähige Hinterbau überzeugt dabei mit hoher Sensibilität, spürbarem Gegenhalt im mittleren Federwegsbereich und einer gut kalkulierbaren Progression zum Ende hin. Unerwartete Eigenheiten? Keine.
Das Focus JAM² NEXT punktet mit hohem Komfort und lässt sich bei Bedarf auch zügig bewegen. Selbst im Grenzbereich bleibt das Fahrverhalten gut kontrollierbar und bietet ausreichend Reserven, wenn das Terrain anspruchsvoller wird.
Durchdacht ist auch der Einsatz einer Shimano Di2-Schaltung, da sich damit die speziellen Schaltfunktionen nutzen lassen, die Bosch anbietet. Dazu zählen unter anderem Auto-Shift und RollShift. Besonders letzteres möchte man im Alltag schnell nicht mehr missen – vor allem, wenn man anschließend ein Bosch-Bike ohne Di2 fährt.
Ziemlich gespannt war ich auf den Thermoplast-Rahmen. Schon bei der Präsentation sagte man mir, dass der sich etwas anders anfühlen kann und ich es unbedingt ausprobieren soll. Nun, was soll ich sagen? Mit taugt das der Rahmen sehr, denn er besitzt genau das richtige Maß an Flex, ohne weich zu werden. Trotzdem bleibt das gesamte Bike steif genug, um sich präzise lenken und steuern zu lassen. So stelle ich mit eine gute Balance aus Flex und Steifigkeit vor.
Als besonderes Schmankerl verbaut Focus am JAM² NEXT eine Lenker/Vorbaueinheit aus Carbon, die „One Piece SL“, die einen angenehmen, unauffälligen Flex besitzt. Als Vorteil kann man hier das Design anmerken, denn eine Einheit, bei der Lenker und Vorbau miteinander verschmelzen, sieht hochmodern und überaus clean aus. Nachteil gegenüber einem herkömmlichen Cockpit aus separatem Lenker und Vorbau: die Anpassbarkeit. Wenn die Vorbaulänge oder der Backsweep des Lenkers nicht passt, lässt sich bei einer Carboneinheit einfach überhaupt nichts einstellen. Hier hilft dann nur der komplette Tausch.
Meinung @eMTB-News.de
Nicht nur im Hinblick auf Nachhaltigkeit und Recycling ist das neue Focus JAM² NEXT interessant. Der Rahmen besitzt eine gute Balance aus Steifigkeit und Flex und punktet auf dem Trail als komfortabler Allrounder, der auch grobes Gelände nicht fürchten muss.
Was Focus hier mit dem NEXT-Projekt skizziert und gezeigt hat, sollte als gutes Beispiel und Blaupause für neue Bikes gelten, denn nur ein echter Rohstoffkreislauf ist wirklich nachhaltig.
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