Wie viel Power darf ein E-MTB haben? Hans Rey fordert 750-Watt-Deckel

In einem offenen Brief wendet sich MTB-Legende Hans Rey an die Bike-Industrie und warnt vor einer Identitätskrise des E-Mountainbikes. Er fordert klare Leistungsgrenzen und präzise Bezeichnungen, um den Status als Fahrrad und damit den langfristigen Trail-Zugang zu sichern. Dabei nimmt er vor allem die tatsächliche Spitzenleistung der Motoren ins Visier.
Titelbild

Rey schlägt in seinem Brief eine Grenze von 750 Watt Spitzenleistung vor, um E-MTBs klar von elektrischen Motorrädern abzugrenzen. Da sich Rey dabei an den US-Markt richtet, ist hier der technische Vergleich zwischen den USA und Deutschland relevant: Während in der EU die Nenndauerleistung gesetzlich auf 250 Watt begrenzt ist, erreichen moderne Motoren hierzulande Spitzenwerte (Peak Power) von 600 Watt bis hin zu 1000 Watt, wie etwa beim dji Avinox. In den USA wird das dortige 750-Watt-Limit oft als Nennleistung ausgelegt, was in der Praxis zu noch deutlich höheren Leistungsspitzen führt. Rey plädiert dafür, die 750 Watt als absoluten Deckel für die Spitzenleistung zu definieren. Damit will er verhindern, dass E-Mountainbikes aufgrund motorradähnlicher Performance ihre Akzeptanz auf Trails verlieren und strengeren Regulierungen unterworfen werden, wie es sich in US-Bundesstaaten wie New Jersey bereits abzeichnet.

An die Führungskräfte, Hersteller, Interessenvertreter und Fahrer, die unsere Branche prägen,
ich schreibe dies, weil mir die Zukunft von Fahrrädern – und Elektrofahrrädern – sehr am Herzen liegt. Wir befinden uns an einem Scheideweg. Die Entscheidungen, die wir in Bezug auf Sprache, Leistungsgrenzen und Definitionen treffen, werden darüber entscheiden, ob E-Bikes der Klasse 1 weiterhin als Fahrräder akzeptiert werden – oder ob sie mit weitaus leistungsstärkeren Maschinen in eine Gruppe geworfen werden, die nicht in dieselbe Kategorie gehören. Es ist an der Zeit, unsere Sprache zu definieren, und es ist an der Zeit, eine klare Linie zu ziehen, wann E-Bikes zu leistungsstark werden.

Worte sind wichtig. Heute wird der Begriff „E-Bike“ für alles verwendet, vom leichten Mountainbike mit Tretunterstützung bis hin zu Elektro-Mopeds und vollwertigen Elektro-Motorrädern. Dieser Mangel an Präzision schafft Verwirrung – und Konflikte – mit Landverwaltern, anderen Trail-Nutzern, Eltern und Gesetzgebern. Wenn wir unsere Begriffe nicht definieren, werden es andere für uns tun. Idealerweise sollte „E-Bike“ nur eines bedeuten: Ein Pedal-Assist-Fahrrad der Klasse 1 mit einer maximalen Unterstützung bis 20 mph, ohne Gasgriff und mit einem Motor, der eine Spitzenleistung von 750 Watt nicht überschreitet. Stattdessen wurde das Label auf Fahrzeuge mit Gasgriff, höheren Geschwindigkeiten und deutlich mehr Leistung ausgeweitet. Diese Verwässerung der Kategorien gefährdet unseren Zugang.

Wir brauchen eindeutige Namen für unterschiedliche Maschinen:
E-Bicycle (EMTB): Nur Tretunterstützung (max. 20 mph, max. 750W Spitzenleistung)
E-Moped: Mit Gasgriff ausgestattet oder schneller als 20 mph oder über 750W (inkl. Klasse 2 & 3)
E-Motorcycle: Leistungsstarke Elektro-Motorräder weit über dem Leistungsniveau eines Fahrrads

Eine klare Kennzeichnung sollte obligatorisch sein. Jedes Elektrofahrzeug sollte seine Kategorie, die unterstützte Geschwindigkeit und die Spitzenleistung des Motors sichtbar angeben. Hier geht es nicht um Überwachung – es geht um Klarheit und Verantwortlichkeit. Die 750-Watt-Grenze ist nicht willkürlich. Sie hilft zu bestimmen, ob ein Fahrzeug als Fahrrad oder als Motorrad behandelt wird – und ob es auf Trails und Radwegen willkommen bleibt.

Maximale Spitzenleistung und nominale (oder durchschnittliche/bemessene) Leistung sind nicht dasselbe. Ein Fahrrad, das auf 750 Watt Spitze begrenzt ist, überschreitet diesen Wert nie. Ein Motor mit einer Nenndauerleistung von 750 Watt kann viel höhere Leistungsspitzen erzeugen. Dieser Unterschied ist signifikant. E-Bikes der Klasse 1 erlangten Akzeptanz, weil sie sich wie Fahrräder verhalten: nur Tretunterstützung, kein Gasgriff, begrenzte Geschwindigkeit und moderate Leistung. Wenn wir ein Ausufern der Leistung zulassen – höheres Drehmoment, schnellere Beschleunigung, motorradähnliche Performance – dürfen wir uns nicht wundern, wenn der Zugang verschwindet und die Regulierung zunimmt.

Wir sehen bereits Warnsignale. In New Jersey wurde bereits ein Gesetz unterzeichnet, das Versicherungen, Registrierungen und Motorradhelme vorschreibt und den Trail-Zugang für Elektrofahrräder einschränkt. In Kalifornien arbeiten Gesetzgeber daran, die 750W-Spitzengrenze zu verstärken, um die Sicherheit zu erhöhen und die Legalität auf Trails zu bewahren. Diese Debatten sind nicht theoretisch – sie finden jetzt statt.

An die Hersteller: Widerstehen Sie der Versuchung, auf Kosten des langfristigen Zugangs immer höheren Zahlen nachzujagen. Kurzfristige Umsatzgewinne könnten zu einem langfristigen Kollaps führen.
An Medien und Marketing: Verwenden Sie eine präzise Sprache – auch wenn es weniger bequem ist. Helfen Sie dabei, die Linie zu ziehen und zu verteidigen, die diese Kategorie schützt.
An die Fahrer: Fahrt verantwortungsbewusst. Versteht, was auf dem Spiel steht. Nehmt den Trail-Zugang nicht als selbstverständlich hin.
An Interessenvertreter und Verbände: Verteidigt die Klasse 1 klar und konsequent. Die Industrie muss sich selbst regulieren, bis die Gesetze definiert sind.

Um zu schützen, was wir haben, müssen wir aufhören zu fragen, mit wie viel Leistung wir noch durchkommen – und anfangen zu fragen, wie viel Leistung zu viel ist. — Hans Rey

Hans Rey via hansrey.com

Was meint ihr: Ist eine Deckelung der Spitzenleistung auch hierzulande sinnvoll, um die Akzeptanz auf den Trails zu sichern?

45 Kommentare

» Alle Kommentare im Forum
  1. 5er Schritte nach metrischem System sind ja auch plausibel aber warum bzw. mit welcher Begründung sollte sich die dt./EU Legislative nach amerikanischen Vorgaben richten?
    Da muss schon eine Regelung nach den hier gültigen Maßeinheiten definiert sein.
    Wobei völlig außer Acht gelassen wird das in USA schon beimÜberschreiten einzelner Staatsgrenzen ein Bike von legal illegal werden kann smilie
  2. Siehe Pinion MGU, sowas ist für "mich" ein echter Gamechanger.
    Einmal gefahren, möchte ich nie wieder etwas anderes.
    Das muss ich Dir Recht geben, allerdings hat man die Manipulationssicherheit eine Tick zu ernst genommen...ab zum Händler und programmieren lassen wenn ich einen dickeren Reifen hinten fahren will ? Steht zumindest so in der Betriebsanleitung. Bergauf geht es auf "Fly" ohnehin kaum spürbar langsamer als ein 1000W Bike smilie
  3. Da muss schon eine Regelung nach den hier gültigen Maßeinheiten definiert sein.
    Es gibt auch in D Fahrzeuge mit 62-km/h-Zulassung.

    Da sich in den Städten immer mehr Tempo 30 durchsetzt, ist der Gedanke zunächst auch nicht abwegig. Tempo 25 bzw. 45 verleitet in der Praxis leider zu gefährlichen Überholmanövern. Ist das nicht möglich, wird gedrängelt. LKW werden bei 85 km/h (also 5 km/h über Limit) abgeregelt, so dass die 2 km/h hier auch lebensnah wären. Es würde den Umstieg aufs Rad attraktiver machen, ohne dass der Staat dafür Geld ausgeben müsste, sondern im Gegenteil die Straßen etwas entlasten und damit die Kosten für Infrastruktur sogar leicht senken.

    Allerdings dürfte insgesamt die Unfallgefahr steigen und damit die Nachteile überwiegen. Schon heute sind viele mit der Kraft eines E-Bikes überfordert. Man müsste es mindestens mit einer Helmpflicht kombinieren.
  4. Allerdings dürfte insgesamt die Unfallgefahr steigen und damit die Nachteile überwiegen.
    Ja, 30 und 50km/h währen für geübte Fahrradfahrer sicher sinnvoller. Laut Unfallstatistik
    steigt die Schwere der Verletzungen aber überproportional mit der Geschwindigkeit.
  5. Schon heute sind viele mit der Kraft eines E-Bikes überfordert. Man müsste es mindestens mit einer Helmpflicht kombinieren.
    Ja, ein guter Freund hat ordentlich Lehrgeld gezahlt. Beide Hände gründlich abgeschürft...eigentlich Glück gehabt, hätte schlimmer kommen können.
    Einfaches Citybike, nicht einmal besonders stark. Ich hab den abgebrochenen Rückspiegel ersetzt und es dann ausprobiert. Und war entsetzt...abrupter Motoreinsatz und langer Motornachlauf, wirklich nix für Leute die länger nicht Rad gefahren sind.
    Das schadet sowohl der Industrie wie auch dem Image.
Was meinst du?

Wir laden dich ein, jeden Artikel bei uns im Forum zu kommentieren und diskutieren. Schau dir die bisherige Diskussion an oder kommentiere einfach im folgenden Formular: