So nach zweieinhalb Wochen, 7 Ausfahrten, 13,5 Stunden Fahrzeit, 200km und 12.200 (Höhen- und) Tiefenmeter meine ersten Eindrücke zum Unno Mith:
Motor (Avinox M1):
Hier lag die Messlatte im Vergleich zum vorherigen EBike ehrlich gesagt nicht wirklich hoch, denn der Bafang M510 aus dem vorherigen Rad war zwar verhältnismäßig stark (650W bis 700W je nach Laune und 90Nm), aber die Regelung war spätestens nach Motorwechsel und standard-Bafang Software echt nicht gut. Das Einsetzen der Kraft war sehr stumpf und bei einer Kadenz über 80rpm ist die Unterstützung massivst eingebrochen. Der kleine 630Wh Akku war auch lästig, da nur sehr kurze Touren (<1200-1500hm, je nach Steigung des Geländes) mit mehr als max. 350W Unterstützung möglich waren.
Vor diesem Hintergrund hatte ich eigentlich gedacht ich hätte einfach grundsätzlich kein Spaß an technischen Uphills auf dem EBike und dass der Motor nur Mittel zum Zweck wäre, um schneller an den Traileinstieg für die nächste Abfahrt zu kommen.
Grundsätzlich bleibt das auch meine Anwendung, jedoch fährt sich der Avinox so angenehm, dass solche Einlagen tatsächlich auch eine spaßige Nebenschäftigung auf dem Weg nach oben geworden sind

Er belohnt höhere Kadenzen sehr schön, ist extrem gut dosierbar, kann aber bei Bedarf auch richtig mächtig anschieben. Den Boost-Modus nutze ich aus Gründen der Reichweite nur sehr selten, aber ist ein sehr amüsantes Gimmick... auch wenn das sehr aggressive Ansprechverhalten gepaart mit quasi keinem Overrun (bezieht sich nur auf den Boost-Modus, da dieser Modus keine Einstellung für Overrun besitzt) nur für steile bis sehr steile Rampen ohne technischen Elemente geeignet ist.
Zunächst hatte ich mir einfach die Modi Trail und Turbo soweit angepasst, dass ich die Unterstützung bzw. Reichweite an die mir verfügbare Zeit anpassen kann (Trail: 200% Unterstützung, max. 400W --> ca. 2100-2200 Höhenmeter möglich; Turbo: 250% Unterstützung, max. 600W -->ca. 1800-1900hm möglich). Ich peile immer an mit ca. 5% Restakku zurück beim Auto zu sein... bis 10% hat der Motor echt noch Power, da liefert er immernoch die max. 600W in Turbo ab, bei 8 oder 7% fällt die Unterstptzung dann aber ab und bei 5% sinds noch ca. 350W, die er dazu gibt... was ich beachtlich finde für den niedrigen Ladestand.
Jetzt fange ich an mich mit dem Auto-Modus mehr zu befassen, denn weniger Unterstützung in flacheren Anstiegen und deutlich mehr im steileren scheint im Endeffekt für mehr Reichweite bei ca. der gleichen Anstiegszeit über eine gesamte Tour zu liefern... aufgrund der verschiedenen Stellschrauben, werde ich hier aber noch ein wenig brauchen, bis ich die passenden Einstellungen gefunden habe bzw. ein Gefühl für die Reichweite und Klettergeschwindigkeit (hm pro Stunde nutze ich meist für Touren- und Unterstützungsplanung).
Kleiner Kritikpunkte bzw stark vermisste Funktion (die der M2 aber zu haben scheint): Mehr Fahrprofile anlegen zu können --> wenn der Auto-Modus so funktioniert wie erhofft, wäre es schön hier zwei Profile anlegen zu können für eine kürzere schnellere Runde und eine längere etwas langsamere... aktuell werde ich wohl je nach geplanter Tour vor Abfahrt die Parameter anpassen müssen, das finde ich etwas hakelig, vor allem für etwas, rein über die Software lösbares.
Weitere positive Punkte zum Motor:
- angenehm leise (nur bei hohen Leistungen/Boost etwas deutlicher hörbar... hier hat man aber alle Hände voll zu tun auf dem Trail, also fällt es da nicht groß auf

)
- Smoothshift ist eine sehr feine Sache... dass bei den Schaltvorgängen deutlich Last rausgenommen wird, gibt ein sehr gutes Gefühl, auch wenn die Transmission scheinbar wirklich gut mit dem Schalten unter Last klarkommt.
Noch ganz allgemein zum Kletterverhalten:
Trotz der eher hohen Front, hatte ich noch absolut keine Probleme mit einer steigenden Front bei Anstiegen (getestet bis 33% Steigung laut Avinox Messung). Die lange Kettenstrebe und das relativ niedrige Tretlager sind hier wirklich ein Segen und ich habe zu keinem Zeitpunkt das Gefühl übermäßig stark über der Front hängen zu müssen, um die Kontrolle zu behalten.
So und nun zum eigentlichen Kaufgrund des Miths (für mich), das Fahrverhalten/die Abfahrt:
Vorweg: Ich habe die Race-Version gekauft mit dem süßen kleinen Float X Dämpfer und von vornherein dem Plan auf einen großvolumigeren Dämpfer zu setzen. Ich konnte zwischen Bestellung und Erhalt des Miths einen gebrauchten Öhlins TTX2 günstig abstauben, durchaus mit dem Wissen, dass der Tune eventuell nicht passt... und so kam dann auch die Erkenntnis nach den ersten Ausfahrten, dass der Dämpfer sich grundsätzlich sehr gut in dem Rahmen anfühlt, aber die Zugstufe zu langsam ist, was dann leider sehr unangenehm wird auf schnellen ruppigen Passagen. Daher ist der Öhlins jetzt erstmal beim Service/Tuning und für die Zwischenzeit muss nun doch der süße Float X herhalten und meine Eindrücke zum Hinterbau sind daher noch etwas vage.
Das auffälligste Merkmal an dem Rad: Das Kurvenverhalten ist richtig richtig beeindruckend... über alle Bikes und Ebikes, die ich bisher selbst hatte oder ausgiebig probegefahren bin, ist das hier (zusammen mit dem Raaw Madonna) mit Abstand das beste. Gerade in offenen Kurven ist die Balance richtig schön spürbar und es lässt sich sehr schön neigen bzw. in Kurven legen. Trotz etwas bis deutlich schlechteren Bedingungen (und dem noch nicht passenden Dämpfer) habe ich einige meiner Bestezeiten auf der ersten oder spätestens der zweiten Abfahrt unterboten.
Die zweite Auffälligkeit (bei der ich nicht weiß wieviel davon am Dämpfer liegt bzw. wie sehr sich das noch verändern wird): Das Rad ist für ein Full Power EBike mit großem Akku sehr schön agil im Sinne von lebhaft und poppig. Es lässt sich verhältnismäßig leicht über Hindernisse lupfen und bei richtigen Sprüngen macht es eine hervorragende Figur... Ich kann hier ziemlich alle Sprünge genau so durchziehen wie mit meinem Enduro-MTB --> das war mit dem Vörgänger undenkbar und liegt zwar auch, aber sicherlich nicht nur am leichteren Gewicht, sondern an dem Hinterbau mit schönem Gegenhalt.
Das bedeutet aber auch, dass es aktuell (gerade für die Menge Federweg) durchaus viel Feedback an die Füße weitergibt. Ich bin seit Herbst letzten Jahres wieder zurück auf Flats gewechselt und hatte mit keinem meiner letzten Enduros (und E-Enduros) so viel Spannung gebraucht, um die Füße auf den Pedalen zu halten wenn es schnell und ruppig wird. Dass es nicht als Bügelbrett ausgelegt ist, ist bekannt (und auch so erwünscht gewesen), aber gerade im ersten Drittel vom Federweg wäre etwas mehr plüsch schon nett
--> hier gehe ich aber von deutlicher Besserung aus, wenn der TTX2 mit passender Zugstufe wieder reinkommt... hoffentlich bleibt dabei der Großteil des schönen Popps erhalten

Gespannt bin ich auch auf die Federwegsausnutzung, wenn der TTX2 zurück ist. Denn bisher habe ich mit beiden Dämpfern bei ca. 30-32% Sag den Federweg doch sehr häufig voll ausgenutzt, teilweise mit spürbaren/hörbaren Durchschlägen. Den Float X hatte ich noch nicht offen, daher weiß ich nicht was hier aktuell an Spacern installiert ist, beim TTX2 war ich vorm Service bei 16 von 20 und werde nach Service mit 18 von 20 weitertesten. Für knapp 80kg fahrfertig bin ich davon etwas überrascht, aber freue mich schon hier weiter zu testen
Noch kurz zur Einordnung der Rahmengröße:
Ich bin 1,78 mit langen Beinen und sehr langen Armen und finde es in S2 perfekt. meine letzten beiden Räder waren ein kleines bisschen länger im Reach, aber zu dem Charakter des Miths passt die Größe für mich perfekt, da es vor allem von der Agilität (für Enduro-Verhälntisse natürlich) lebt. Aufgrund des Größensprungs zu S3, wäre das natürlich auch keine Alternative gewesen... aber wenn jemand zwischen zwei Größen bei dem Rad steht, würde ich tendenziell eher zur kleineren raten.
Abschlussfazit nach den ersten Wochen:
Das Mith ist zwar ein ganz schön teures Rad (selbst wenn man das "Auslaufmodell" in der günstigsten Ausstattung zu einem relativ guten Preis bekommt), aber das Gesamtkonzept geht voll auf und mir sind bisher immernoch wenig andere Räder bekannt, die sich so in dieser Kategorie platzieren. Ich war auf der Suche nach einem Rad, das sozusagen den Lift in Gebieten ersetzt, die nunmal keinen Lift haben und sich trotzdem noch möglichst wie ein MTB fahren lässt und das Unno deckt diese Anforderung perfekt ab.
Mal schauen, vielleicht werde ich es sogar mal bei einem Rennen ausprobieren statt dem normalen Enduro... sofern der Veranstalter das zulässt oder es eine Möglichkeit gibt die 750W Drosselung aufzuspielen, die hier letzten vom Rotwild Team vorgestellt wurde.